|
back to publications
Vortrag von Prof. Dr. Ferdinand Rohrhirsch beim Radio-Kongress
"Radio Day 2003",
Kongress der ARD-Werbung Sales & Services GmbH
07.06.2003
Werbung ohne Ethik ist wie Führung ohne Persönlichkeit
(kurzlebig, kontraproduktiv, unmenschlich)
Die Ausbildung zu einer Führungspersönlichkeit hat wesentlich
mit ethischen
Entscheidungen und mit der Zeit zu tun. Werbung auch! Diese dient
zwar dem jeweilig beworbenen Produkt, noch mehr aber der Entwicklung
einer Marke. Markenausbildung aber braucht Zeit und erfordert einen
konsistenten und ethisch verantwortbaren Orientierungsrahmen. Sonst
wirkt Werbung kurzlebig, kontraproduktiv und unmenschlich.
Von Prof. Dr. Ferdinand Rohrhirsch
Nichts geht mehr – ohne Wissenschaft
Wer populäre Führungsphilosophien mit Marketinginstrumenten
vergleicht (vor allem für Corporate Branding Strategien), der
findet übereinstimmende Denk- und Vorgehensweisen, die sowohl
die zentralen Grundfragen wie auch die Anwendungsgebiete beider
Bereiche betreffen. Dabei ist eine zunehmende Verwissenschaftlichung
beider Bereiche besonders auffällig. Nichts geht mehr bei Führung
und Marketing ohne die Hilfe der Wissenschaft bzw. ihrer Methoden.
Wissenschaft und Führung
Allmählich hat es sich herumgesprochen: Die Bedeutung des
Vorgesetzten zeigt sich als entscheidender Faktor für die Motivation
und Produktivkraft der Mitarbeiter. Damit wachsen die Anforderungen
an eine Führungskraft nicht selten ins Uferlose. Denn, was
sollte die Führungskraft der Gegenwart nicht alles sein: Motivator,
Koordinator, Blockadelöser, Konfliktlöser, Zielvereinbarer,
Schiedsrichter, Sanktionierer, Visionär, Sinnvermittler, Leitwolf,
guter Hirte und so manches mehr. Sie entspricht in funktionaler
Hinsicht einer Mischung aus
Gärtner, Dompteur und Fluglotse, in personaler Hinsicht einer
Mutation von Mutter Theresa und Lara Croft einerseits und Dschingis
Kahn und Wendelin Wiedeking andererseits.
Ein großer Teil der Weiterbildungsindustrie suggeriert diese
Anforderungen umfassend und schnell zu erfüllen. 'Erfahrene
Praktiker’ sollten es schon sein, die neueste Konzepte und
Tools liefen, besser aber sind 'neueste wissenschaftliche Erkenntnisse’
und nicht mehr überbietbar sind die 'neuesten wissenschaftlichen
Erkenntnisse aus den USA’.
Dass die Bedeutung des Vorgesetzten für Mitarbeiter nicht
überschätzt werden kann, das dürfte für viele,
die sich tagtäglich als Mitarbeiter erfahren, keine Überraschung
darstellen. Bemerkenswert ist eher das wissenschaftliche Interesse
bzw. der wissenschaftliche Zugang und die darauffolgende Verwissenschaftlichung
dieser Erfahrungen.
Der Verwissenschaftlichung von Alltagserfahrungen, die Personenbeziehungen
betreffen, wird zunehmend mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Einen Grund
sehe ich darin, dass die Akteure in Entscheidungsprozessen zunehmend
jünger werden und dadurch immer weniger ihre eigenen Lebens-
und Berufserfahrungen für ihre Entscheidungsfindung nutzen
können.
Die Lehrstelle lebensweltlicher Erfahrung wird gefüllt durch
die Erkenntnisse
wissenschaftliche Studien über die Lebenswelt. Die Wissenschaft
ersetzt die eigene Erfahrung. Damit wird zugleich das Selbstdenken
über die gemachten Erfahrungen verhindert und die Entstehung
von Verantwortlichkeitsstrukturen gehemmt, die für die Ausbildung
eines Charakters eines Menschen notwendig sind. Wissenschaftlich
orientierte Methoden und Werkzeuge werden zum Garanten des Erfolgs
erhoben.
Die Verwissenschaftlichungskette hört mit der wissenschaftlich
gesicherten Feststellung der Bedeutung des Vorgesetzten nicht auf,
sie fängt damit erst an.
Denn, so die Schlussfolgerung:
Wenn die Bedeutung des Vorgesetzten wissenschaftlich gesichert
ist, dann braucht es auch entsprechend wissenschaftlich geprüfte
Methoden und Werkzeuge, um Führungsarbeit optimal leisten zu
können. Und hier steckt ein entscheidender Kurzschluss, der
in seiner Tragweite immer noch nicht recht erkannt wird und der
auf Führung und Marketing gleichermaßen fatale Auswirkungen
hat. Er lautet: Wenn Führungsprozesse sich durch wissenschaftliche
Methodik analysieren und erklären lassen, dann müsste
sich auch die konkrete Führungsarbeit wissenschaftlich prognostizieren,
planen und machen lassen.
Wer diesem Kurzschluss folgt, der hat es schwer, aus dem Hamsterrad
des wissenschaftlichen und quasiwissenschaftlichen Weiterbildungseklektizismus
auszubrechen, wie er in Weiterbildungsmagazinen und Managerpostillen
häufig präsentiert wird: ein bisschen Konfliktmanagement
hier, ein wenig Rhetorikkurs da, dazu einige Grundlagen in Verhaltenspsychologie,
garniert mit einigen Outdoortrainings und Knigge-Seminaren (wohin
denn nur mit der Serviette), ein Smalltalk-Kurs schadet auch nicht
(auf keinen Fall über Religion und Politik talken, positive
Grundstimmung aufbauen) einige Selbsterfahrungsseminare
(Hörer- oder Sehertyp), dazu ein Seminar im Bergwerk, einen
Kurs an der
Flamencoschule (wie steh ich richtig?) oder am Theater (performance
üben mit Säbel oder Florett) und dazu, je nach Sinnausrichtung,
einige Aufenthalte in buddhistischen oder christlichbenediktinischen
Klöstern und fertig ist die globalisierungstaugliche Führungskraft.
Philosophisch begründbar und durch eine ganze Reihe von Coachinggesprächen
gestützt, lautet meine These dagegen:
Wer wissenschaftliche Methodik und Tools zum Vorbild und Grund seiner
Führungsarbeit nimmt, verhindert gerade deshalb Führung
und Motivation
notwendig. Nicht die gerade angesagten Tools und deren korrekte
'Implementierung’ sind entscheidend, sondern die Persönlichkeit.
Es gilt auf Selbstverständliches aufmerksam zu machen: Noch
nie ist einer durch sein Werkzeug zum Meister geworden, doch ein
Meister kann mit Werkzeugen umgehen.
Dieselbe Erkenntnis gilt auch in der Führungsfrage, mag die
Konsequenz auch unerfreulich für eine Planer- und Machermentalität
sein: Persönlichkeit lässt sich nicht machen, auch nicht
wissenschaftlich.
Wissenschaft und Marketing
Die Entwicklung einer Markenidentität scheint einfach zu
sein, wenn lediglich auf die formale Struktur einer Corporate Branding
Strategie geschaut wird. An erster Stelle steht die Formulierung
der Kernwerte, also die Entscheidung über die zu markierenden
Werte, dann folgen Produktqualität, Werbe- und Sponsoringauftritt,
Design der Markenarchitektur, soziale und ökologische Nachhaltigkeit,
Corporate Giving, Integrität des Topmanagements und Issue
Management. (Vgl. Palazzo, S. 25).
Doch damit sind die Werte lediglich auf dem Papier. Ob sie jemals
wirksam werden oder zur Fassade verkommen ist, grundgelegt und entscheidet
sich – und das hat Claus Koch in nicht zu überbietender
Deutlichkeit formuliert – an der gelebten Unternehmenskultur.
„Die integrierte Markenkommunikation beginnt bei der Unternehmenskultur.
Nicht früher und nicht später.
Unternehmenskultur kann nur entstehen, wenn sich ein Unternehmen
oder eine
Institution neben der wirtschaftlichen Verantwortung freiwillig
auch zur ethischen
Verantwortung bekennt. Das bezieht sich freilich nicht nur auf die
Produkte und Leistungen, sondern natürlich auch auf die Unternehmensführung,
Mitarbeiter und gesellschaftliche Verantwortung. Aus diesen Aspekten
kann das Unternehmen Kultur entwickeln und sich dann an den erarbeiteten
und verankerten Werten orientieren.
Und aus dieser Kultur erwächst der Charakter – die Voraussetzung
für eine unverwechselbare, eindeutige Identität. Sie ist
der Ursprung für Kontinuität, Stärke, Veränderung.
Wenn diese Grundvoraussetzungen erfüllt sind, lohnt es sich,
über integrierte Markenkommunikation nachzudenken.“ (Claus
Koch,
absatzwirtschaft, S. 58).
Im Bestfall werden nicht neue Werte gesetzt, sondern die bereits
existierenden Werte eines Unternehmens, die im positiven Sinn im
'Werk’ am Werk waren, werden extrahiert. Hier zeigt sich ein
entscheidendes Moment der Glaubwürdigkeit solcher 'Branding
Strategien’:
Den propagierten Werten muss entsprochen werden und diese Glaubwürdigkeit
kann nicht per Order oder 'Kommunikation’ eingeführt
und nicht im Hau-Ruck-Verfahren durchgesetzt werden.
Das, was die Marke erschafft, schlägt auf den gesamten Unternehmenskontext
zurück. Wer mit Moral agiert, wird an der Moral gemessen.
Und der moralische Verantwortungsbereich hört nicht im produzierenden
Bereich des Unternehmen auf, sondern gilt für das gesamte Unternehmen
(wo aber ist die Grenze eines Unternehmens?), die Zulieferer eingeschlossen.
Werte dienen zur Orientierung des je faktischen Lebens. Wertorientierung
ist ein Hilfsmittel, mit dessen Hilfe geglücktes Leben erreicht
werden soll. Alle Werte sind insofern positiv besetzt, weil sie
auf das Glück, auf die Erfüllung des Menschen bezogen
sind. Wer unter Marketinggesichtspunkten eine Wertewelt entwickelt,
der darf fast alles, aber nie mit negativen Werten Identität
bilden wollen.
Für eine einmalige Aktion, für ein Saisonprodukt, ist
die geiz-geile Kampagne des Saturn genau das, was gewöhnlich
der Aufgabe der Werbung allgemein zugesprochen wird: Aufmerksamkeit
zu erzeugen.
Wenn es aber um die langfristige Emotionalisierung von Werten
und der Identifizierung dieser mit Unternehmen und Produkten geht,
müssen unter allen Umständen negative Verknüpfungen
ausgeschlossen werden.
Geiz jedoch wird immer negativ konnotiert bleiben, weil er den
realen Anforderungen, die zu einem geglückten Leben führen
können, entgegen steht.
"Er besteht in zwei Dingen, dem Mangel im Geben und
dem Übermaß im Nehmen“. (Aristoteles,
Nikomachische Ethik, 4. Buch 1121 b 4)
Eine langfristige und erfolgreiche Markierung benötigt Erfahrung
und Zeit. Sie erfordert Glaubwürdigkeit und ist getragen von
einer positiven und lebensförderlichen Grundorientierung. Hier
überschneiden sich wesentliche Anforderungen von Corporate
Branding Strategien mit den Anforderungen einer wirksamen Führungspersönlichkeit.
Der Maßstab für Führung und Werbung ist
der Mensch, aber welcher?
Von Ethik im Führungs- und Werbungskontext zu reden hat nur
dort einen Sinn, wo der Mensch sich als einer erlebt, der für
sein Handeln verantwortlich ist. Wer aber seine Verantwortung anerkennt,
der erfährt sich als durch Freiheit bestimmt. Was durch Freiheit
bestimmt ist, kann nicht vollständig natur-kausaler Berechenbarkeit
unterliegen.
Das Wesen des Menschen widersetzt sich dem Zugriff vollständiger
Berechenbarkeit. Deshalb versagen immer wieder die Konzepte, die
alles in das berechnende, d.h. wissenschaftliche Denken stellen,
weil sie den Menschen als Objekt, als fachwissenschaftlichen Gegenstand
nehmen, sei es als ökonomischen Nutzenoptimierer, als motivierbares
triebgesteuertes Motivationsbündel, als komplizierte, aber
berechenbare Reiz-Reaktionsmaschine oder genetisch gesteuertes Evolutionsprodukt.
Unwidersprochen: So kann man den Menschen bestimmen und berechnen
und es kommt auch einiges Richtiges dabei heraus – jedoch
nichts Wesentliches.
Das Wesen des Menschen wird erst dann erfahrbar, wenn nicht mit
'was’ (aus was besteht er) oder 'wie’ (wie funktioniert
er) nach ihm gefragt wird, sondern mit 'wer’. Wer ist der
Mensch? Den Horizont für diese Frage zu öffnen, das vermag
die Philosophie. Aber auch aus der Dichtung kann vernommen werden,
wer der Mensch ist und was es heißt, ein Mensch zu sein.
Eine Antwort eines Dichters unserer Tage lautet:
"und der Mensch heißt Mensch
weil er irgendwann erkennt
und weil er hofft und liebt
weil er mitfühlt und vergibt
und weil er lacht, und weil er lebt“
/Herbert Grönemeyer)
© 2003-2005 Ferdinand Rohrhirsch
back
to publications

|