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Vortrag von Prof. Dr. Ferdinand Rohrhirsch
Ruhr-Universität Bochum: Tagung: gewinnen - fortbilden -
motivieren.
06.10.2003
Wer wissenschaftlich führen will, verhindert Führung konsequent.
Ein Plädoyer für mehr Ethik und weniger Technik.
von Prof. Dr. Ferdinand Rohrhirsch
Meine sehr verehrten Damen und Herren, wer zu einem Vortrag eingeladen
wird, der wird am Telefon häufig entlassen mit den Worten:
„Wir sind gespannt darauf, was Sie uns Neues zu sagen haben.“
Nun, jeder Vortragende braucht das Wohlwollen der Zuhörer,
ich aber benötige nicht nur dieses, sondern darüber hinaus
Ihre Toleranz, Ihr Mitdenken und mehr noch, ich bin auf Ihre Erfahrungen
angewiesen. Ich werde Ihnen nämlich nichts Neues erzählen
– weder können noch auch wollen. Ich werde Ihnen vom
Selbstverständlichen berichten.
Das Selbstverständliche thematisieren ist nicht selbstverständlich.
Nach Martin Heidegger aber zeigt sich im Selbstverständlichen
die Abgründigkeit der Welt. Das bedeutet für mich, in
Hinsicht auf das Thema dieser Tagung: wer nicht nur wissen will
was gemacht werden muss, damit etwas funktioniert und wie es gemacht
werden muss, damit es richtig funktioniert, der muss die selbstverständlich
akzeptierten Grundannahmen eines Sachgebietes immer wieder aus ihrer
Selbstverständlichkeit reißen und erneut in die Fragwürdigkeit
stellen. Echter Fortschritt bleibt ohne Rückwendung auf die
leitenden Prinzipien und Ursprünge eines Sachgebietes frommer
Wunsch. Wer das übersieht steht in der Gefahr Fortschritt mit
Ortswechsel zu identifizieren.
Mein Beitrag besteht aus drei Teilen.
Teil 1 stellt die Bedeutung des Vorgesetzten heraus.
Teil 2 thematisiert die Fähigkeiten des Vorgesetzen und wie
er sie bekom-men soll und
Teil 3 bestimmt Führung als ethisch verantwortete Lebensform.
1) Zur Bedeutung des Vorgesetzten
Dass die Mitarbeiter eines Unternehmens nicht notwendig als Kostenfaktoren
gesehen werden müssen, sondern auch als Vermögensbestand
bewertet werden können, das hat sich mittlerweile herumgesprochen.
Motivierte, leistungsfähige und dem Unternehmen solidarisch
verbundene Mitarbeiter sind nicht nur der Traum jeder Unternehmensführung,
sondern die tatsächliche Voraussetzung für eine positive
und beständige Entwicklung eines Unternehmens. Das gilt ganz
besonders in denjenigen Unternehmen, in dem der Einzelne bzw. eine
kleine Gruppe von Mitarbeitern ein hohes Maß an spezialisiertem
Wissen besitzen, das oftmals über den Gesamterfolg eines Unternehmens
entscheidet.
Theoretisch ist die Aufgabe für das Management einfach zu
formulieren: es kommt ihm die Aufgabe zu, das „Human-Kapital“
in optimaler Weise in die Wertschöpfungskette einzubinden.
Praktisch allerdings hat dies zur Folge, dass die Erwartungen an
die Manager (Führungskräfte mit unmittelbarer Mitarbeiterverantwortung
und -kontakt) steigen. Versagt die Führung in dieser Aufgabe,
dann zeigt sich in kurzer Zeit, dass die Annahme 'ein Unternehmen
ist sehr viel einfacher von oben nach unten zu ruinieren als umgekehrt’,
keine bloße Folklore ist.
Schon lange Zeit wird angenommen, dass es, ganz unabhängig
von der Branche, nur einen Weg gibt, um wirklich dauerhaft Gewinn
zu erwirtschaften nämlich ein Arbeitsumfeld zu schaffen, „in
dem talentierte Mitar-beiter gewonnen, gehalten und zur Entfaltung
gebracht werden können.“ (Buckingham & Coffman 1999,
S. 14) . Solcherart motivierte Mitarbeiter, das zeigt eine Untersuchung
des amerikanischen Gallup-Instituts, die auf Datenerhebungen von
über 25 Jahren beruhen, bringen nachweislich eine erhöhte
Betriebsleistung. Anders formuliert: Eine Firma oder Abteilung mit
hoher Mitarbeiterzufriedenheit bringt nicht nur ein besseres Betriebsklima,
sondern auch höheren Gewinn. „Zu unserer Überraschung
war die Gallup-Untersuchung ... die allererste branchenübergreifende
Studie zum Zusammenhang zwischen Mitarbeitermeinung und Betriebsleistung.“
Was aber ist das Entscheidende für Mitarbeiterzufriedenheit?
Was ist der entscheidenden Faktor, der dafür verantwortlich
gemacht werden kann, dass manche Unternehmen mit Mitarbeitern 'gesegnet’
sind, – gleichgültig ob in Kirche, Militär, Industrie
oder Dienstleistungsgewerbe –, die durch ausgeprägte
Loyalität und hohe Produktivität auf sich aufmerksam machen?
Zudem kommen solche Mitarbeiter auch nie isoliert vor, sondern im
Verbund, z.B. als Mitarbeiter einer Filiale oder einer Abteilung.
Die Gallup-Untersuchung zeigt schwarz auf weiß: nicht das
Gehalt, Zusatz-leistungen, Vergünstigungen oder ein charismatischer
Unternehmenschef an der Spitze der entscheidende Faktor für
einen >starken<, produktiven Arbeitsplatz ist, sondern der
Vorgesetzte. „Der direkte Vorgesetzte entpuppte sich als der
Schlüssel.“ Der Vorgesetzte hat die größte
und grundlegende Auswirkung auf Mitarbeiterbindung/ Fluktuation
und Mitarbeitermeinung/Unternehmensertrag. Wenn also der direkte
Vorgesetzte der Schlüssel ist, dann bedeutet dies, so die Autoren:
„dass Mitarbeiter nicht Unternehmen verlassen, sondern Vorgesetzte.“.
Anders formuliert: Die Mitarbeiter kündigen nicht dem Unternehmen,
sondern dem unmittelbaren Vorgesetzten. Wer also ein Fluktuationsproblem
hat, sollte sich in allererster Linie die Vorgesetzten einmal näher
ansehen, so empfehlen die Autoren.
Eigene Kindertagesstätten, Gymnastikabteilungen (bei Eddie
Bauer, gibt es Rückmassage am Arbeitsplatz), viel Urlaub, Gewinnbeteiligungen,
attraktive Fortbildungsangebote, Incentive-Reisen usw. Alle diese
Dinge sind nicht unbedeutend. „Wichtiger aber ist der direkte
Vorgesetzte. Von ihm hängt die Art und Qualität des gesamten
Arbeitsumfeldes ab. Wenn er/sie für klare Erwartungen sorgt,
den Mitarbeiter kennt, ihm vertraut, in ihn investiert, dann ist
dieser gern bereit, der Firma das fehlende Gewinnbeteiligungsprogramm
nachzusehen. Ist die Beziehung zum direkten Vorgesetzten hingegen
gestört, können noch so viele Rückenmassagen und
sonstige Anreize den Mitarbeiter nicht zum Bleiben bewegen oder
gar zu Topleistungen anspornen. Zugespitzt formuliert: Es ist besser
in einer altmodischen Firma für einen hervorragenden Chef zu
arbeiten als in einem modernen, mitarbeiterorientierten Unternehmen
für einen schlechten.“
2. Zu den Fähigkeiten des Vorgesetzten und wie er
sie bekommen soll
Was macht aber aus einem Chef eine sehr guten Chef? Was hat er,
was so viele andere nicht haben? Wer auf die Frage Antwort aus der
populären Managementliteratur erwartet, der bekommt ganze Lastwagenladungen
voll Eigenschaften, die der Manager der Zukunft hinsichtlich seiner
Führungsfähigkeit haben sollte: In Auswahl: Er sollte
sein: Motivator, Koordinator, Blockadelöser, Konfliktlöser,
Zielvereinbarer, Schiedsrichter, Sanktionierer, Visionär, Sinn-Macher
etc.
Sein Anforderungsprofil entspricht in funktionaler Hinsicht einer
Mischung aus Gärtner, Dompteur und Fluglotse, in personaler
Hinsicht einer Mutation von Mutter Theresa und Lara Croft einerseits
und Jack Welch und Wendelin Wiedeking andererseits.
Dass die Führungskraft der Zukunft eine Vielzahl der genannten
Eigenschaften haben sollte, darüber sind sich die Autoren weitgehend
einig. Höchste Uneinigkeit besteht jedoch darin, welcher der
geeignete d.h. der kürzeste und effizienteste Weg ist, um Führungskräfte
diese Eigenschaften zu 'implementieren'. Implementieren ist ja nicht
nur ein hässliches Wort, sondern es zeigt genau, wie man sich
das Aneignen von Führungseigenschaften vorstellt. Was fehlt
wird implantiert ob es die betreffende Person jemals assimilieren
kann, das ist nicht die Frage.
Es ist deshalb keine Frage, weil es in der populären Führungsliteratur
meist um das WAS und das WIE geht (welche Führungseigenschaft
ist wichtig und wie ist sie anwendbar). Und für diesen Zweck
gibt es eine Unzahl von Konzepten und Techniken, mindestens von
„erfahrenen Praktikern“ vorgestellt oder fundiert durch
die hierarchisch orientierte Erkenntnis-Trias: „neueste Erkenntnisse“,
„neueste wissenschaftliche Erkenntnisse“ und „neueste
wissenschaftliche Erkenntnisse aus den USA“.
Einen festen Platz im Konzept- und Strategiewald nimmt der typische
Ma-chiavelli Ratgeber ein. Karriere ist Kampf. Es gibt entweder
strategische Partnerschaften oder Gegner, ein Drittes ist nicht
möglich. Die Machiavelli Ratgeber erkennen sehr genau dass
Karriereinteressen und Unternehmensinteressen nur sehr selten deckungsgleich
sind. Der Karrierist stellt sich aus zweckrationaler Perspektive
die völlig konsequente Frage: Wenn ich als Teil des Personals
laut betriebswirtschaftlicher Personal- und Organisationslehre „als
Mittel zur betrieblichen Zielerreichung eingesetzt“ werde,
warum soll ich dann die Sache nicht umdrehen und den Betrieb als
Mittel meiner persönlichen Karrierevorstellungen nutzen? Und
vom Nutzen zum Ausnutzen ist es dann meist nur ein kleiner Sprung,
ja eher ein fließender Übergang. Die Führungsaufgabe
wird als Mittel zum Zweck innerhalb des persönlichen Karriereplanes
genommen und die Mitarbeiter bilden darin die Manövriermasse
für die eigene, erfolgreiche Selbstdarstellung. Und als erfolgreich
wird immer der wahrgenommen, der mit noch weniger Personal auskommt.
Da die durchschnittliche Verweildauer einer karriereorientierten
Führungskraft am selben Arbeitsplatz maximal 3 Jahre beträgt
(Urlaub eingerechnet), hat dann höchstens der Nachfolger das
Problem mit der Hinterlassenschaft des Karrieristen, die in wenig
anderem als verbrannter Erde besteht, d.h. in völlig demotivierten
und misstrauischen Mitarbeitern, die in kaputtsanierten Abeilungen
dahinagieren.
Auf der gleichen individualzentrierten Ebene ist die positive,
amerikanisch-pragmatische Variante fundiert. Dort wird bei Fischverkäufern
der Stein der Führung entdeckt. Und der lautet: Wir können
uns selten aussuchen was wir für eine Arbeit machen wollen,
immer aber können wir bestimmen wie wir sie erledigen, mit
welcher inneren Einstellung wir unsere Arbeit machen wollen. Die
Mentalität, die da zum Ausdruck kommt: „Mann kann alles,
wenn man nur wirklich will“ ist, wie so vieles im richtigen
Leben, zum Teil wahr, aber eben nur zum Teil. Wer aber Teilwahrheiten
als absolute Wahrheiten verkauft, der ist entweder naiv und durchschaut
die Sache nicht oder er durchschaut sie und verschweigt bewusst
den anderen Teil, dann lügt er.
Daneben gibt es noch die großen Gesellschafts- und Weltentwürfe.
Das Alte trägt nicht mehr, deshalb muss es weg – vollständig.
Die Metapher der Bio-Logik steht für das Neue Denken der zukünftigen
Führungselite, die sich in Salzwassertanks selbst programmiert.
Dass die großen Weltentwürfe ziemlich zusammengewürfelt
sind, stört niemand, denn die Führungskraft der Zukunft
setzt auf 'Oberfläche statt Tiefe’ und 'glaubt nicht
wirk-lich an etwas, sondern nutzt das, woran sie gerade glaubt’.
Ein wenig Evolutionsbiologie, Stichwort Darwiportismus, wie ihn
der Saarbrücker Betriebswirtschaftler Christian Scholz gegenwärtig
propagiert dazu etwas 'Ethik’ oder was darunter jeweilig verstanden
wird, etwas vergleichende Verhaltensforschung, eine Prise neuester
psychologischer Erkenntnis, und das ganze garniert, je nach Zielgruppe,
mit ein wenig östlicher Philosophie oder ein wenig Jesus von
Nazareth und fertig ist wieder ein Buch, das voll im Trend liegt.
Auch die Chaostheorie ist immer wieder gern gesehner Gast im Führungs-markt.
Ob es um Menschen oder Ameisen geht ist so entscheidend nicht, denn
in komplexen Systemen ist es nicht wesentlich zu wissen, aus was
die Systemteile bestehen. Ausschlaggebend ist die Kenntnis ihres
gegenseitigen Verhaltens. Ich muss nicht jedes einzelne Molekül
im Wassertopf überzeugen aktiver zu werden, ich kann am Parameter
Temperatur die Aktivität aller Moleküle beeinflussen.
Und was am Herd geht, geht auch bei Mitarbeitern oder bei Ameisen,
denn die Gesetzte der Komplexitätswissenschaft sind allgemein
gültig.
So hat der Manager die Qual der Wahl. Und weil lebenslanges Lernen
zum Allgemeinplatz geworden ist, muss er auf die aktuellen Führungsseminare,
am besten noch am Wochenende - sonst verliert er zuviel Zeit. Wer
aber glaubt, gerade angesagten Eigenschaften nachjagen zu müssen,
aus Angst den Anschluss zu verlieren, der kommt stets und grundsätzlich
zu spät. So viele Kurse, Seminare und Workshops können
überhaupt nicht absolviert werden, um stets auf der Höhe
der Zeit zu bleiben.
In immer schnelleren Abständen wird das eben Aufgenommene
durch eine neue revolutionäre Erkenntnis und Methode ersetzt.
Denn die gerade aktuellen Erkenntnisse veralten so schnell, wie
die jeweilige Wissenschaft Fortschritte macht oder eine Trendwissenschaft
von einer anderen abgelöst wird. Dieser immer schnellere Kreislauf
ist kein Zufall. Er resultiert aus der Annahme, dass Führungseigenschaften
und Führungstools aufgenommen werden können, wie man sich
Informationen aneignet. Und wenn man über etwas Kenntnis hat,
mit ihm umgehen kann, so dass es funktioniert, dann ist das Missverständnis
nahe, zu glauben, man hätten die Dinge auch verstanden.
Doch im stets rotierenden Hamsterrad der neuesten Führungstechniken
wird beständig eines übersehen, das so trivial, so selbstverständlich,
so unauffällig ist, dass es kaum noch jemandem auffällt.
Gedacht wird dabei an eine Erfahrung, die alle Handwerker an allen
Orten und durch alle Zei-ten gemacht haben: Noch nie ist einer durch
sein Werkzeug zum Meister geworden, wohl aber kann ein Meister mit
Werkzeugen umgehen.
Was aber gehört notwendig zu einem Meister? Was macht das
Meistersein mit aus? Aristoteles gibt in seiner Nikomachischen Ethik
die Antwort: Er nennt dort diejenigen, die auch ohne „wissenschaftliches
Wissen zum prak-tischen Handeln in verschiedenen Dingen geeigneter
sind als die Wissenden, ... die Erfahrenen.“
Doch eben dieser Erfahrung wird im Moment kein großer Stellenwert
zu-gemessen. Denn, so lautet die unausgesprochene Prämisse:
auch Wissen, das durch Erfahrung gewonnen wurde, lässt sich
explizieren, d.h. in Sätze formen, die überprüft
werden können. Deshalb lässt sich auch Erfahrungs-wissen
durch Wissensmanagement oder durch eine andere Form theoreti-schen
Wissens ersetzten.
Die Verwissenschaftlichung von Alltagserfahrungen, die für
Interaktionen im Unternehmenskontext relevant sind, wird zunehmend
bedeutsamer. Ein Grund ist darin zu sehen, dass die Akteure in Entscheidungsprozessen
immer jünger werden und dadurch immer weniger eigene Lebenserfahrung
in ihre Entscheidungsprozesse einbringen können. Diese Lehrstelle
lebensweltlicher Erfahrung wird gefüllt durch wissenschaftliche
Studien über die Lebenswelt. Wissenschaftlich gesichertes Wissen
soll die eigene Erfahrung ersetzen.
Doch damit wird das Selbstdenken über die gemachten Erfahrungen
verhindert und die Entstehung von Verantwortlichkeitsstrukturen
gehemmt, die für die Ausbildung eines Charakters notwendig
sind. Intelligenz und Wissen sind für eine Führungskraft
bei weitem nicht ausreichend. Führung benötigt primär
Klugheit. Klugheit kann aus Erfahrung gewonnen werden. Erfahrung
aber braucht Zeit.
Klugheit hat vorrangig – nicht ausschließlich –
mit der Kenntnis des Einzelnen zu tun, weil zielgerichtete Interaktionen
zwischen Personen stets in Handlungskontexte eingebettet sind. Das
charakteristische an Handlungssituationen ist, dass sie einmalig
und unwiederholbar sind. Deshalb geht es bei Handlungen im Gegensatz
zum Herstellen nicht primär um richtig und falsch sondern um
gut und böse. Und das ist nicht nur ein kleiner Unter-schied,
sondern eine andere Qualität.
Mit Klugheit ist ein ethisches Vermögen angesprochen, das
unter dem Leit-gedanken eines gelingenden Lebens im konkreten Einzelfall
das Gute zu treffen vermag, indem es das jeweilige Handeln (hier
und jetzt) daraufhin ausrichtet.
Führungswissen ist nicht vergleichbar mit der kontextgebundenen
Beherr-schung theoretischen Wissens. Theoretisches Wissen, verstanden
als gesicherte Erkenntnis, ist verallgemeinerbar, lässt sich
formalisieren, übertragen und kann von einem anderen aufgenommen
werden. Bei der Erfahrung geht das nicht, sie ist nicht übertragbar,
und deshalb versagen alle Techniken, Rezepte und Ratgeber zum Thema
Führung, weil gerade das, was eine Führungspersönlichkeit
ausmacht, wesentlich mit Erfahrung zu tun hat. Wissen kann aufgenommen
werden, ohne dass sich der Aufnehmende dadurch ändert. Wer
dagegen seine Erfahrungen gemacht hat und seine Lehren daraus gezogen
hat, der hat die Möglichkeit, sich zu verändern und sich
zu bilden. Der kann zu einem 'Gebildeten’ werden.
Die völlige Ausblendung der ethischen Dimension innerhalb
der Füh-rungsproblematik wird fundiert durch das heute herrschende
Bild des Men-schen. Dieses wird von denjenigen Wissenschaften geprägt
wird, die den Menschen als Lebewesen unter anderen bestimmen. Der
Mensch ist vielleicht etwas intelligenter, aber er ist im Prinzip
ein Untersuchungsobjekt wie jedes andere Lebewesen auch (eben ein
animal wenn auch ein rationale). Jeder Biologe, jeder Psychologe
muss so denken. Wenn er es wagen würde anders zu denken, wäre
er kein seriöser und das heißt stets empirisch-orientierter
Wissenschaftler mehr.
Wissenschaften unterstellen ‚wenn-so’ Zusammenhänge,
'immer wenn – dann’. Sie unterstellen grundsätzlich
einen Ursache-Wirkungszusammenhang. Diese Unterstellung ist zur
Beschreibung von Naturvorgängen nicht nur sinnvoll sondern
erfolgreich. Sie hat sich in unendlich vielen Fällen bewährt.
Sie hat jedoch eine gravierende Konsequenz: Freiheit und Wille,
Autonomie und Selbstverantwortlichkeit haben in dieser Konzeption
keinen Platz. Aber genau diese Begriffe zeigen die zentralen Kategorien
an, in denen Führung thematisiert werden muss.
Es kann und soll nicht bestritten werden, dass menschliche Praxis
mit Hilfe wissenschaftlicher Methodik untersucht werden kann, die
zutreffende Er-gebnisse zeitigt. Die eingangs erwähnte Bedeutung
des unmittelbaren Vor-gesetzten verdankte sich ebenfalls wissenschaftlicher
Methodik.
Doch damit hört die Verwissenschaftlichungskette nicht auf,
jetzt fängt sie erst an, denn, so die vordergründig plausible
Annahme: wenn die Bedeu-tung der Führungskraft wissenschaftlich
gesichert werden kann, dann muss es auch mit Hilfe wissenschaftlicher
Methodik möglich sein Methoden und Werkzeuge zu entwickeln,
die Führungsarbeit wissenschaftlich planbar, herstellbar und
prognostizierbar macht.
Und genau das geht nicht. Und wer es versucht, der hat von vornherein
jede Chance verspielt, das Wollen seiner Mitarbeiter zu bekommen,
weil er sie, wenn er sie wissenschaftlichen Kategorien behandelt,
als berechenbare und planbare Objekte nimmt. Er bestimmt sie als
Mittel zum Zweck.
3) Führung als ethisch verantwortbare Lebensform
Es ist eine Grundfrage zu stellen, die bei einer Vielzahl von Führungspub-likationen
in sträflicher Weise vernachlässigt wird. Diese lautet:
Wer ist denn der, der da führt und wer ist der, der geführt
werden soll? Was damit angezielt wird zeigt sich dann, wenn der
Vorgesetzte nicht mehr mit einem physikalischen Beigeschmack als
Führungskraft, sondern mit Führungspersönlichkeit
übersetzt wird. Person ist nicht nur ein anderes Wort für
Mensch, sondern mit ihm wird ein vollständig andere Orientierung
ge-wählt. Im Ausdruck Person öffnet und zeigt sich die
ethische Dimension des Menschen, die in den Begriffen Freiheit,
Selbstverantwortlichkeit und Autonomie zur Sprache kommt. Der Mensch
als Person betrachtet ist nach Immanuel Kant Zweck an sich selbst.
Wenn das Wissen um Führung unablösbar an eine Person
gebunden ist, dann wird eines sofort klar: es kann überhaupt
nicht das Bild des leaders geben, sondern es gibt individuelle Verkörperungen
dessen, was Führungsqualität ausmacht. Führung übernehmen
kann nur der glaubwürdig, - und andere lassen sich durch diesen
führen - bei dem natürliche Autorität spürbar
ist. Autorität hat man noch nicht, wenn man sich autoritär
aufführt. Autorität kann sich allerdings da ausbilden,
wo sich der, der Führung beansprucht, sich als erster unter
die Ansprüche der Sache stellt, für die er Führung
in Anspruch nimmt. Der Führende ist der erste Geführte.
Nur da, wo Person und Inhalt in hohem Maße übereinstimmen,
wo einer durch sein eigenes Tun bezeugt, dass es ihm um die Sache
geht, nicht um die Macht über andere, ist es für die anderen
überhaupt möglich Führung bzw. geführt zu werden
nicht mit Selbstaufgabe d.h. Autonomieverlust zu identifizieren.
Eine Führungspersönlichkeit braucht nicht notwendig auf
dem Regal 100 Tipps zur Konfliktbewältigung, eine Führungspersönlichkeit
braucht notwendig den Mut zu sagen, 'ich bin mit ihrer Leistung
nicht zufrieden’, wie auch zu sagen: 'ich habe mich geirrt’.
Beides ist schwer, aber wer hat je behauptet dass Führung leicht
sei.
Führung hat etwas mit Bildung zu tun. Mit 'Bildung’
sind nicht bestimmte Schulabschlüsse oder besondere soziale
Niveaus gemeint. Gebildet ist man nie, man strebt sie an. Den möchte
ich als gebildet bezeichnen, der immer wieder neu das „gute
Leben“ wagt, angesichts der Sicherheit des je eigenen Todes.
Zu diesem Bildungsprozess gehört wesentlich Selbsterkenntnis
und Selbstannahme. Letztlich vermag nur der beständig und erfolgreich
Führungsarbeit zu geben, der weiß was er kann und der
sich angenommen hat als der, der er ist. Nur wer sich in seinen
Vermögen und Defiziten erkennt und annimmt, vermag andere zutreffend
in ihren Fähigkeiten und Vermögen einzuschätzen und
vermag sie entsprechend ihren Fähigkeiten zu fördern und
zu fordern
Führungsseminare, die führungsrelevantes Wissen und
Erfahrungen durch Wildwasserfahrten, Wüstenwanderungen, in
Bergwerken, Theatern oder durch Sozialpraktika herbeiführen
möchten, machen sicher nichts falsch, aber langfristig gesehen
halte ich sie für absolut wirkungslos. Sie bleiben ein Sonderfall,
der nichts zu tun hat mit der gewöhnlichen Alltagsführung.
Führungsalltag und Alltagsführung gehören zusammen.
Sie bilden die zwei Seiten derselben Persönlichkeit.
Eine Führungspersönlichkeit, verstanden als einer der
in einem Selbstbildungsprozess steht, bildet eben nicht primär
seine berufsrelevanten Führungskompetenzen aus, sondern sich
selbst.
Als eines der wenigen professionellen Hilfen zur Unterstützung
eines Selbstbildungsprozesses kann Coaching begriffen werden. Jemanden
zu haben, von dem erwartet werden kann, dass er sagt was er denkt,
ohne durch irgendwelche Nützlichkeitserwägungen beeinflusst
zu sein, halte ich für wertvoll. Solche Gespräche sollten
mäßig aber regelmäßig geführt werden.
Ein professioneller Coach ist dazu nicht zwingend notwendig. Ein
offener und ehrlicher Freund kann dasselbe erreichen. Allerdings
sollten diese Gespräche außerhalb des üblichen Kontaktrahmens
stattfinden. Nicht bei der Ausübung eines gemeinsamen Hobby,
sondern mit eigenem Termin und eigener Örtlichkeit.
Geschäft und Betrieb dominieren sicherlich den werktäglichen
Alltag. Das werden viele bestätigen können und sich vielleicht
nichts weiter dabei denken. Der Satz bedeutet aber auch: Den Großteil
der Lebenszeit verbringen wir mit Geschäft und Betrieb.
Erfolg im Unternehmen ist etwas schönes und kann ein Gefühl
innerer Zu-friedenheit geben. Gelegentlich wird man von anderen
dafür bewundert, ja sogar beneidet. Ebenso muss aber auch gesagt
werden, dass geschäftlicher Erfolge nicht das Ganze des menschlichen
Lebens sein kann. Dafür allein zu leben ist zu wenig. Und wenn
viele noch so sehr den Eindruck hochhalten wollen, dass der ausschlaggebende
Grund für ein geglücktes Leben beruflicher Erfolg sei,
er gehört dazu – keine Frage – aber er ist doch
nicht das Entscheidende.
Glück und erfahrbarer Lebenssinn ist etwas anderes. Es ist
trivial zu sagen, aber weil es zunehmend verdeckt und verstellt
wird, muss es immer wieder offengelegt und ausgesprochen werden:
Die Erfahrung von Glück und Sinn hat etwas mit anderen Menschen
zu tun. Keiner kann allein und für sich glücklich werden.
Wir erreichen es – wenn überhaupt – immer nur mit
anderen, oder noch schärfer formuliert, wir müssen es
uns von anderen schenken lassen.
Wer je unglücklich verliebt war, der hat erfahren, was es
heißt, dass der andere ein Geheimnis ist. Wir können
viel tun, um uns ins rechte Licht zu setzten. Wir können viel
machen, um uns optimal zu präsentieren. Wir können, je
nach finanziellem Vermögen und Zeit, nahezu die gesamten Rahmenbedingungen
zu unseren Gunsten gestalten. Aber, an das Wollen des Gegenübers
kommen wir nicht. Wir können weder Achtung noch Zuneigung,
geschweige den seine Liebe kaufen. Wir wollen sein Wollen. Aber
dass Sie mich will, kann ich nicht machen, nicht planen nicht steuern.
Was wir können ist drohen, bestechen, jemanden ökonomisch
abhängig machen. Was wir bekommen sind Handlungen und Verhaltensweisen,
die zwar so aussehen wie Handlungen die durch freien Willen, Achtung
usw. geschehen, aber das Wollen der Person, die eigentliche Triebfeder
ihrer Motivation bekommen wir dadurch nicht. Das wissen wir.
All das hat immer noch einen entscheidenden Bezug zur Führungsthematik.
Die Anerkennung durch andere Personen – die alles fundierende
Be-dingung für Motivation – lässt sich weder durch
Weisungsbefugnis, noch durch Tricks noch durch Gehalt erzwingen,
machen oder kaufen. Der andere muss es spüren, dass Sie es
'gut’ mit ihm meinen. Er muss als Person geachtet werden und
erst dann kann auf die Achtung und Motivationsbereitschaft dieses
Mitarbeiters begründet vertraut und gehofft werden. Und vieles
kann tatsächlich dafür getan werden, dass im Arbeitsumfeld
die Möglichkeit des Aufbaus dieser Atmosphäre gefördert
wird. Herstellen aber, oder durch Psychotricks machen lässt
sie sich nicht.
Die Achtung und Fairness gegenüber dem Mitarbeiter und eine
damit ver-bundene gezielte Stärkenförderung ist der alles
fundierende Grund für eine hohe Motivationsbereitschaft. Das
Problem ist nur, wenn Sie so vorgehen, sind sie mit ihrer Person
in der Sache. Und da, wo Personen mit Personen umgehen, geht nichts
mehr wie von selbst und schon gar nichts automatisch. Bei und in
Personenbeziehungen wird man nie fertig. Man wird ihnen nie 'Herr’
werden, weil Führung nichts mir Herrschaft zu tun hat.
Wer in Personenbeziehungen siegen will, der hat lange schon verloren.
Nie wird ein Zeitpunkt eintreten, an dem ich nun endlich weiß,
wie der 'Hase läuft’, weil es eben keine Hasen sind,
sondern Personen. Wer andere wie Automaten behandelt, muss sich
nicht wundern, wenn er Automatenleistung bekommt.
Führung ist immer mit dem Einsatz der eigenen Person verbunden.
Führung benötigt ein großes Maß an Geduld
und die Bereitschaft zu Erfahrungen, die weder angenehm noch schön
sind. Und selbst der volle Einsatz der eigenen Person garantiert
noch keinen Erfolg; allerdings ist ohne Einsatz der eigenen Person
Misserfolg garantiert.
Keiner wird über Nacht zur Führungspersönlichkeit.
Und selbst die perfekte Führungspersönlichkeit vermag
nicht das Gelingen zu lernen. Was durch sie jedoch ermöglich
wird, ist, dass der 'Raum’, in dem sich dieses Gelingen einstellen
kann, geschaffen und vergrößert wird. Es führt kein
Weg daran vorbei: Meisterschaft braucht Zeit. Entscheidendes geht
nicht von heute auf morgen und so besehen bleibt es eine bedenkenswerte
Selbstverständlichkeit, dass in aller Regel, die Meister älter
sind als ihre Gesellen und Lehrlinge.
© 2003-2005 Ferdinand Rohrhirsch
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"Keiner wird über Nacht zur Führungspersönlichkeit.
Und selbst die perfekte Führungspersönlichkeit vermag
nicht das Gelingen zu lernen.
Was durch sie jedoch ermöglich wird, ist, dass der 'Raum’,
in dem sich dieses Gelingen einstellen kann, geschaffen und vergrößert
wird.
Es führt kein Weg daran vorbei: Meisterschaft braucht Zeit."
Prof. Ferdinand Rohrhirsch
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