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Vortrag von Hubert G. Feil beim 30. Regensburger Gespräch
der Friedrich-Ebert-Stiftung
19.03.2004
Kultur verbindet Europa
Die Idee einer beabsichtigten Verwandlung aus europäischer
Sicht
Im Rahmen dieser Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung fanden
Vorträge und ein Podium mit dem polnischen Filmregisseur Stanislav
Mucha ("Die Mitte"), Martin Schulz (Vorsitzender der Sozialdemokraten
SPE im Europaparlament), Pavel Liska (Direktor des Kunstforums Ostdeutsche
Galerie), Eberhard Schrempf (stellvertretender
Intendant Graz 2003), Hubert G. Feil (:paradise media) und Dr. Gerhard
Schmid (ehem.Vizepräsident des Europäischen Parlaments)
statt. Zentrale Fragestellung: Kann Kultur
ein verbindendes Element zwischen den "alten" EU-Mitgliedern
und den am 1. Mai neu begetretenen Staaten sein?
Die Idee einer beabsichtigten Verwandlung aus europäischer
Sicht
Von Hubert G. Feil
Die europäische Kultur kann mit einem Baum verglichen werden,
dessen einzelne, nationale Äste alle demselben, sie tragenden
und ernährenden Stamm entwachsen sind und die ihm mit ihren
Blättern, Blüten und Früchten von Zeit zu Zeit immer
wieder Humus für ein kräftigeres Wachstum liefern. Die
Früchte dieses Baumes zeigen die Vielfalt der Kulturen Europas,
die Lust auf immer mehr macht. Hier begegnen sich die kulturellen
Städte Deutschlands in ihrem kulturellen Reichtum mit Europa
auf mehreren Ebenen.
Das Bild macht deutlich: Schotten sich nationale Kulturen allzu
sehr von ihrem europäischen Umfeld ab, dann veröden ihre
kulturellen Lebensadern. In dem Moment, indem sie beginnen, Widerspruch
und Alternativen einfach auszugrenzen, verkümmern und verdorren
sie von innen her. Damit erhält „Einheit in Vielfalt“,
das immer wieder bemühte Leitbild der europäischen Integration,
eine etwas weniger vage und beschwörende Bedeutung.
Vielfalt, Widerspruch, Konflikte müssen integriert, ausgehalten,
durchgefochten werden, damit politisch in Nationen eingesperrte
Kulturen dynamisch bleiben, damit ihre Eigenheiten nicht zu Absonderheiten
werden.
Eine solche kulturelle Frischzellenkur wird auch eine Bewerbung
zur Europäischen Kulturhauptstadt für alle Städte
sein, welche den Mut haben, Neues zu wagen.
Viele Städte in unserem Land haben die besten Voraussetzungen
zu einer Kulturhauptstadt Europas. Doch wer Kulturhauptstadt sein
möchte, muß erst den Beweis antreten, Kulturstadt zu
sein. Ein guter Weg dazu ist neben einem hochvitalen Umfeld für
Kunst und Kultur die konkrete Realisierung von innovativen und natürlich
glaubwürdigen Projekten einer Bewerbung. Eine Kulturhauptstadt
muss in der Gegenwart angekommen sein und offen für zeitgenössische
Kunstformen sein. Und dies mit aller Konsequenz und kultureller
Radikalität, fern von reinen Lippenbekenntnissen muss der Beweis
für streitbare Kunstformen angetreten werden.
Wer Europa kulturell neu denken und gestalten möchte, muss
vielfältige europäische Gesprächsfäden aufnehmen
und die Stadt für Europa mit Kunst, Religion, Politik, Sozialem,
Wissenschaft und Wirtschaft auf eine kulturelle Reise bringen. Wer
dies schafft und die Metamorphose wagt, wird einen Quantensprung
in der Entwicklung einer Kulturstadt erleben. So bedeutet auch die
beabsichtigte Verwandlung einer Stadt die unabdingbare und konsequente
Bereitschaft zu Veränderung.
Alleine der Bewerbungsweg kann den Bewerberstädten für
die Kulturhauptstadt Europas nachhaltig vielfältige und reiche
Früchte bringen. Dazu kommt ein gestiegenes Selbstbewusstsein
der Initiativen aus der kulturellen und sozialen Szene, ganz zu
schweigen von einer überregionalen Wahrnehmung in den Medien
und angenehmen touristischen Nebenwirkungen.
Der Aufbruch zu einer Kulturhauptstadt hat den Beginn eines Lernprozesses
geschaffen und viele neue Energiequellen für die Zukunft freigesetzt.
Eine Bewerberstadt entdeckt das neue Vertrauen zu sich und ihrer
Kultur. Das Vertrauen zu den Nachbarn und zu Europa wird ebenfalls
stärker.
Neben dem Vertrauen wächst die Verantwortung. Denn darauf
kommt es für Europa und für die Verbindung der Kulturen
Europas entscheidend an: dass „Europa“ nicht nur mit
einer fernen Bürokratie und ihrer „Macht“ über
unser Leben gleichsetzt wird, sondern dass wir alle einen neuen
Anfang wagen, uns auch selbst als Teil Europas entdecken und uns
gemeinsam mit unseren neuen Nachbarn auf eine Reise in den noch
unentdeckten geistigen Kontinent „Europa“ machen.
© 2004 Hubert G. Feil
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