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1. Juli 2002
Publikation im IHK Magazin Wirtschaft Nr. 6/2002
Innovation: Von Wassertropfen können Führungskräfte
nichts lernen
Von Prof. Dr. Ferdinand Rohrhirsch
Hinsichtlich Führung ist die Aufgabe des Managements einfach
zu formulieren: Es hat die Aufgabe, die Mitarbeiter in optimaler
Weise in die Wertschöpfungskette einzubinden. Versagt die Führung,
hat dies Konsequenzen für das Unternehmen. Ein wesentliches
Ergebnis einer aktuellen Gallup-Untersuchung lautet: Mitarbeiter
kündigen nicht dem Unternehmen, sondern dem unmittelbaren Vorgesetzten.
Wer versucht, die Anforderungen an den Manager der Zukunft hinsichtlich
seiner Führungsfähigkeit zu beschreiben und dafür
ein Blick in die populäre Führungsliteratur wirft, der
findet dort viele Vokabeln: Motivator, Koordinator, Konfliktlöser,
Zielvereinbarer, Schiedsrichter, Sanktionierer, Visionär und
andere mehr. Dass Führungskräfte eine Vielzahl dieser
Eigenschaften haben sollten, darüber sind sich die Autoren
weitgehend einig. Höchste Uneinigkeit besteht jedoch über
den kürzesten und effizientesten Weg dorthin.
Weil es in der populären Führungsliteratur meist darum
geht, welche Führungseigenschaft wichtig ist und wie sie anwendbar
ist, gibt es eine Unzahl von Konzepten und Techniken. Die Beispiele
sind Legionen: Einen festen Platz nimmt der typische Machiavelliratgeber
ein. Er macht in aller Deutlichkeit klar, dass Karriereinteressen
und Unternehmensinteressen nicht notwendig deckungsgleich sind.
Führung wird dabei missbraucht als ausschließliches
Mittel zu diesem Zweck. Auf der gleichen, individualzentrierten
Ebene, ist die positive, amerikanisch-pragmatische Variante angesiedelt.
Da wird bei Fischverkäufern der Stein der Führung entdeckt
und suggeriert, man könne alles, wenn man nur wirklich wolle.
Auch die Chaostheorie ist immer wieder gern gesehner Gast im Führungsmarkt.
Ob es um Menschen oder Wasser geht – egal! Ich muss nicht
jedes einzelne Molekül im Wassertopf überzeugen, aktiver
zu werden, ich kann am Parameter Temperatur die Aktivität aller
Moleküle beeinflussen. Und was am Herd geht, geht auch bei
Mitarbeitern, denn die Gesetzte der Komplexitätswissenschaft
sind allgemein gültig.
Dazu gesellen sich die großen Weltentwürfe. Dass sie
ziemlich zusammengewürfelt sind, stört niemanden, denn
die Führungskraft der Zukunft setzt auf Oberfläche statt
Tiefe’ und ,glaubt nicht wirklich an etwas, sondern nutzt
das woran sie gerade glaubt’.
So hat der Manager die Qual der Wahl. Und weil lebenslanges Lernen
zum Allgemeinplatz geworden ist, muss er auf die aktuellen Führungsseminare,
am besten noch am Wochenende - sonst verliert er zuviel Zeit. Doch
im stets rotierenden Hamsterrad der neuesten Führungstechniken
wird beständig eines übersehen: Noch nie ist einer durch
sein Werkzeug zum Meister geworden, wohl aber kann ein Meister mit
seinem Werkzeug umgehen. Worin besteht also das Meistersein in der
Führungsfrage?
Mit Hilfe der Unterscheidung von Kenntnis und Verstehen, Information
und Wissen kann ein entscheidenden Charakteristikum von Führung
verdeutlicht werden: Wer etwas weiß, kennt nie nur die pure
Information, sondern ihre Hintergründe, ihre Bedingungen und
ihre Entstehungsgeschichte. Das bedeutet: Wissen reduziert sich
nie auf bloße Tatsachen sondern erklärt und bewertet
diese. Überzeugungen und Wertungen sind jedoch Leistungen von
Personen und damit kommt notwendig eine Ethik in das Wissen.
Freiheit, Achtung, Wille und Selbstverantwortlichkeit sind entscheidende
Kategorien, wenn es um Führung, Motivation und Wissenstransfer
geht. Wer die Motivation oder das Wissen eines anderen will, kann
sie nicht im Sinne eines Ursache-Wirkungsschemas erreichen. Jeder
Versuch einer psychotechnisch-manipulatorischen Erzeugung von Motivation
verhindert diese notwendig.
Was bedeutet das für Führung?
Es ist eine Grundfrage zu stellen, die bei einer Vielzahl von Führungspublikationen
in sträflicher Weise vernachlässigt wird. Diese lautet:
Wer ist denn der, der da führt und wer ist der, der geführt
werden soll? Wenn Führung an Personen gebunden ist, dann wird
sofort klar: es kann überhaupt nicht das Bild des leaders geben,
sondern es gibt individuelle Verkörperungen dessen was Führungsqualität
ausmacht.
Führung übernehmen kann nur der glaubwürdig, - und
andere lassen sich durch diesen führen - bei dem natürliche
Autorität spürbar ist. Autorität bildet sich da aus,
wo sich der, der Führung beansprucht sich als erster unter
die Ansprüche der Sache stellt für die er Führung
beansprucht. Der Führende ist der erste Geführte. Nur
da, wo Person und Inhalt in hohem Maße übereinstimmen,
wo einer durch sein eigenes Tun bezeugt, dass es ihm um die Sache
geht, nicht um die Macht über andere, ist es für die anderen
überhaupt möglich Führung bzw. geführt zu werden
nicht mit Selbstaufgabe d.h. Autonomieverlust zu identifizieren.
Eine Führungspersönlichkeit braucht nicht notwendig auf
dem Regal 100 Tipps zur Konfliktbewältigung, eine Führungspersönlichkeit
braucht notwendig den Mut zu sagen, ich habe mich geirrt. Eine Führungskraft
die gewinnen will hat schon lange verloren.
Führung hat etwas mit Bildung zu tun. Gebildet ist man nie,
man strebt sie an. Bildung ist extrem verkürzt der Prozess
der Annahme seiner selbst. Zu diesem Prozess gehört wesentlich
Selbsterkenntnis. Nur wer sich selbst zutreffend erkennt und annimmt,
vermag andere zutreffend in ihren Fähigkeiten und Vermögen
einzuschätzen und vermag sie entsprechend ihren Fähigkeiten
zu fördern und zu fordern.
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